Zehn Punkte für den Bachelor? Eine Blamage und keine Reform .

Der sogenannte „Studienerfolgsbericht“ des Präsidiums über die neuen Bachelorstudiengänge ist mittlerweile online! Das Papier wurde vom Präsidium erstellt um eine erste Bilanz über die Akzeptanz neuen Bachelorstudiengänge zu ziehen. Die Ergebnisse waren so fatal, das sich das Präsidium der FU monatelang weigerte, den Bericht öffentlich zu machen oder auch nur den Mitgliedern der universitären Gremien einsicht zu gewähren. Erst vor kurzem sickerten einzelne Ergebnisse durch, und mittlerweile ist auch das ganze, 115 Seiten starke Dokument öffentlich zugänglich – auch dies ohne Zustimmung des Präsidiums, sondern wiederum durch eine Indiskretion.

Die FSI-Osi veröffentlichte auf ihrem Blog bereits einen ersten Kommentar zum Bericht und brachte die eigentliche Katastrophe auf den Punkt: die Zahl der Studienabbrüche im Bachelor hat sich gegenüber den alten Abschlüssen nicht verringert, sondern ist massiv gestiegen:

„Ebenfalls unbeliebt: B.A.-Abschlüsse in den Geisteswissenschaften, v.a.
wenn mensch den Vergleich mit den alten Studienordnungen zieht. Im
90-LP-Bachelor ‘Deutsche Philologie’ brachen 18 Prozent der Studierenden
ihr Studium vorzeitig ab. Verglichen mit den Durchschnittswerten (s.
oben) ist das wenig, verglichen mit dem bisherigen Magisterstudiengang
eine Versechsfachung: in der alten Studienordnung brachen nur drei
Prozent der Studierenden ihr Studium ab.

Über die Philosophen heißt es in der Studie: ‘Der Schwund in den neuen
Studiengängen ist inakzeptabel hoch. Mehr als die Hälfte [53 Prozent, um
genau zu sein, Anm. d. Verf.] verlassen diesen Studiengang innerhalb von
zwei Jahren. Dies war in dem auslaufenden Magisterstudiengang nicht der
Fall.’ (S. 25) In diesem betrug die Abbrecherquote gerade mal 14 Prozent.

Doch auch die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer, die angeblich
mannigfaltig von den neuen, ’strafferen’, ‘praxisbezogeneren’ usw. usf.
B.A.-Abschlüssen profitieren sollten, schneiden geradezu desaströs ab.
Als – zugegebenermaßen sehr negatives – Beispiel sei hier der
Informatik-Studiengang erwähnt. Die Einführung des Bachelors
verzehnfachte (!) hier die Abbrecherquote im Vergleich zum
Diplomstudiengang: von sieben auf 71 Prozent im Monobachelor. Im
90-LP-Modul betrug der Schwund noch einmal mehr: nur gut jedeR zehnte
(14 Prozent) blieb länger als fünf Semester dabei. Mit ein Grund:
Studierende wechseln in höheren Fachsemestern offenbar ‘in erheblichem Umfang’ (S. 17) in den Diplomstudiengang.“

Die Reaktion der FU ist abwiegelnd. Im Tagesspiegel relativierte das Präsidium die katastrophalen Ergebnisse:

FU-Präsident Dieter Lenzen sagte auf Anfrage, es handele sich bei den in dem Papier genannten Zahlen um „Schätzungen“ und nicht um „empirische Befunde“. Lenzen verwies auf eine jüngst im Akademischen Senat vorgestellte Untersuchung, in der frühzeitig exmatrikulierte FU-Bachelorstudenten nach den Gründen für ihren Abgang gefragt wurden. Knapp die Hälfte gab an, an eine andere Uni gewechselt zu sein. Andere machten ein Praktikum, seien ins Ausland gegangen oder warteten noch auf ihr Wunschstudium. Diese Studierenden könne man nicht als Abbrecher werten. […]
Lenzen kündigte an, er wolle demnächst einen Zehn-Punkte-Plan zur Verbesserung des Bachelors vorstellen.

Wer also den Bachelor an der FU nicht studierbar findet und an eine andere Uni oder in die verbliebenen Diplomstudiengänge wechselt, der oder die zählt nicht als AbbrecherIn, und deswegen wär ja alles irgendwie nicht so schlimm? Ein ziemlich hilfloses Argument, allerdings symptomatisch für den Umgang des Präsidiums mit schlechten Nachrichten: Realitätsverleugnung und Schönrednerei allerorten, Selbstkritik findet nicht statt und wenn doch, werden die Ergebnisse geheimgehalten. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf: dass der Trend hin zu Verschulung, weniger Wahlfreiheit und mehr Disziplinierung von den Studierenden nicht angenommen wird.

Auch Reformvorschläge wie der „Zehn Punkte Plan“ ändern daran nichts. Diesen „Plan“ kann man auf dem Blog der Fachschaftsinitiativen bereits nachlesen, die Mitschrift einer AS-Sitzung gibt Auskunft über das Projekt:

1.-System der Mentoringprogramme in allen Fachbereichen verstärken
2.-Studienfachberatung: alle Lehrenden halten einmal in der Woche eine Sprechstunde, nicht nur einmal im Monat
3.-Bachelor: Anerkennungspraxis der Scheine von anderen Unis liberalisierenBologna soll Mobilität steigern und nicht senken
4.-Übergänge: Fachbereiche sollen im Rahmen von Studienverlaufsplänen den Wechsel im ersten Semester liberalisieren,
5.–Geschlechterstereotype sollen aufgebrochen werden
6.-Status von ausländischen Studierenden: Zulassungspraxis für Masterstudiengänge fördern, auch aufgrund des Zukunftskonzepts der International Network University
7.-Einführungswochen sollen in einzelnen Fächern ernster genommen werden und bereits vor Beginn des Semesters stattfinden
8.Einführung zentraler Studien- und Prüfungsbüros in den Fachbereichen—verlässliche und ausreichende Öffnungszeiten
9.-Wiederholungsleistung von Prüfungen soll zeitnah ermöglicht werden
10.-flächendeckende Evaluationen in den Fachbereichen
für jeden Studiengang einen Studiengangsleiter an den Fachbereichen, der die inhaltliche Weiterentwicklung des Studiengangs und das Lehrangebot plant

Mehr Evaluation, weniger Bürokratie, flexiblere Handhabung – das sind die Eckpunkte dieser Vorschläge. Der ebenfalls im Raum stehende Vorschlag, man solle auf die Einführung von Studiengebühren drängen, damit die Leute sich einen Abbruch dreimal überlegen oder besser gar nicht erst anfangen, fiel auf der entsprechenden Sitzung durch. Das war selbst dem Präsidium zu absurd, vielleicht wollte man auch die eh schon genervten Studierenden nicht noch weiter reizen.

Aber was steckt eigentlich hinter den „Zehn Punkten“? Letztendlich nur eine etwas weichere, flexiblere Handhabung des Bestehenden. Eine radikale „Reform der Reform“ hin zu mehr Wahlfreiheit für Studierende, weniger verschulten Inhalten und natürlich mehr Mitbestimmung bei der Gestaltung des Studiums und der Studienordnungen bleibt aus. Doch wäre dies das einzig notwendige. Auch die beste Evaluation degeneriert letztlich zum Kontrollinstrument, wenn die Umfrageergebnisse geheimgehalten werden und die Studierenden bei den aus der Evaluation folgenden Reformprojekten nicht mitreden dürfen.

Auch der AStA FU kommentierte den Bericht in diesem Sinne:

Der AStA FU sieht sich angesichts der vorliegenden Untersuchung in seiner konsequenten Ablehnung der europäischen Studienstrukturreform, dem so genannten Bologna-Prozess, bestätigt: bereits vor der Einführung des BA übte der AStA FU Kritik an Verschulung, Entwissenschaftlichung und Arbeitsüberlastung – also genau jene Mängel, die auch das Präsidium nun in seinem Geheimreport eingestehen muss. Die Probleme des Bachelor gehen daher über eine vorhandene schlechte Umsetzung und „Kinderkrankheiten“ hinaus. Sie sind vielmehr elementare Bestandteile der gesamten Bologna-Reform.

Der AStA FU fordert daher weiterhin eine konsequente Verbesserung der Studienbedingungen mit dem Ziel eines freien und selbstbestimmten Studiums.

Der Teufel steckt also ausnahmsweise nicht im Detail, das Projekt Bachelor an sich hat eine enorme Schieflage. Die Illusion, man könne Studierende quasi zum Lernen zwingen, platzt. Verschulung, mehr Pflichtveranstaltungen, höhere Arbeitsbelastung, weniger wissenschaftlicher Anspruch in der ersten Studienphase – die Neuerungen, die ein schnelleres Studium ermöglichen sollten, produzieren nun genau das Gegenteil: eine nie dagewesene Zahl von Studienabbrüchen. Das gerade diese Facetten der Reform vom AStA FU und anderen studentischen Kritikern bereits in der Einführungsphase heftigst kritisiert worden sind, zeigt einmal mehr: der Bachelor ist nicht für die Studierenden gemacht.

Dennoch ist der Studienerfolgbericht eine Chance für die studentische Öffentlichkeit. Gerade jetzt, wo auch konservative Medien und Befürworter des BA immer mehr einsehen müssen, dass ihre ursprünglichen Pläne nicht aufgehen, öffnen sich möglichkeiten für studentische Politik. Forderungen könnten sein: Mitbestimmung statt Evaluation, Wahlfreiheit statt Pflichtmodule, Bildungsinvestitionen statt NC-Inflation, Teilnahme an der Wissenschaft statt Gängelung durch Profs und Bürokratie. Solche Forderungen werden nach diesen Enthüllungen sicher nicht so einfach abzuwiegeln sein – wenn sie denn nur konsequent vertreten werden. Dazu bedarf es allerdings mehr als einiger fleißiger GremienaktivistInnen, sondern einer neuen studentischen Bewegung.

Link: „Studienerfolgsbericht“ der FU

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